Apr 12

Der Keller-Fall 1

Der erste Tag im Büro war irgendwie ein typischer erster Tag im Büro. Wir mussten mit Bus und Bahn zwar quer durch die halbe Stadt fahren, aber wir waren so früh unterwegs, dass wir rechtzeitig vor dem Bürogebäude standen.
Der erste Gedanke beim Anblick des Gebäudes war „Creepy“. Sowohl meiner als auch der von Nobelix. Ein riesiges Haus mit irre vielen Fenstern. Verklinkert. Bedrückend. Ein hausgewordener Rotsteinblock. Nicht nur an einer Straße gelegen, sondern fast ein gesamter Häuserblock mit befahrbarem Innenhof und eigenem Parkplatz hinter dem Haus. Und ziemlich alt.

Auf dem Schreiben, das Nobelix am Freitag bekommen hatte, war zum Glück ein Raum angegeben. Aber auch mit unserem guten Orientierungssinn und Erfahrung mit großen Gebäuden dauerte es ein wenig, bis wir am richtigen Büro angekommen waren. Zum Glück schafften wir es noch pünktlich. Also Nobelix, denn ich war zu dieser Zeit ganz tief in seiner Arbeitstasche versteckt. Man weiß ja nie so genau, wie völlig fremde Menschen auf eine große, sprechende Ameise reagieren. Daher hatten wir besprochen, dass ich erst einmal unauffällig die Lage checke und erst im Büro herauskommen sollte.

Trotz all der Aufregung und der Spannung am Morgen, lief der Tag dann ganz in Ruhe und entspannt ab. Nobelix wurde erst einmal durch die Abteilung geführt und vorgestellt, schüttelte viele Hände und musste sich viele Gesichter merken. Dann bekam er sein eigenes Büro. Ein ganz eigenes Büro für sich (und damit für uns) alleine. Damit hätte ich jetzt nicht gerechnet. Aber um so besser ist es. Ausgestattet mit einem Schreibtisch, Drehstuhl, Besucherstühlen, einem Computer, einem Telefon und einem Regal für Akten, wirkte es zu Anfang noch sehr nüchtern und steril, aber das sollte sich schon bald ändern.

Neben vielen kleinen und größeren Aufgaben wurde Nobelix schon bald damit betraut, die Sanierung des Archivs zu betreuen. Das Archiv im Keller des auch nach einigen Tagen immer noch bedrohlich wirkenden Komplexes war durch einige unglückliche Umstände schwer von Schimmel befallen worden. Die Tatsache, dass dort einige unglaublich alte Akten lagerten, machte das alles nicht besser und so blieb nur die Vorbereitung und Planung der Sanierung zu machen und dann darauf zu warten, dass die eigentlichen Arbeiten beginnen konnten.

Natürlich konnte man sich in diesem Schimmel-Archiv nicht so ohne weiteres aufhalten. Der Arbeitsmedizinische Dienst und die Abteilung für Arbeitssicherheit teilte dann irgendwann mit, dass man sich maximal zwei Stunden pro Tag dort aufhalten könnte, und das auch nur, wenn man entsprechenden Atemschutz tragen würde. Zum Glück hatte Nobelix von früher noch eine entsprechende Maske, so dass nur noch die Filter dafür beschafft werden mussten. Aber auch das war dank der Hilfe der Beschaffungsabteilung kein größeres Problem und so konnten wir bald zum ersten Mal in den Keller gehen und uns selber ein Bild von der Lage machen.

Einige Tage später war es dann so weit und wir stiegen zum ersten Mal in den Keller hinab. Also, das hatten wir jedenfalls vor – und es klang im Vorfeld deutlich einfacher als es sich darstellte.
Die Tür zum Keller befand sich hinter dem Empfangsbereich des Gebäudes, in dem leider nicht nur unsere Abteilung und das Archiv untergebracht waren, sondern auch eines der Dienstleistungszentren unserer Behörde. Das hieß aber, es war jeden Tag einiges an Publikum im Haus und wir konnten uns nicht bequem im Büro umziehen, mit dem Fahrstuhl ins Erdgeschoss fahren und dann am Empfang vorbei in den Keller stiefeln. Das hätte wahrscheinlich eine mittlere Panik unter Kollegen und Publikum ausgelöst und deshalb mussten wir uns ein bisschen durchmogeln.

Meistens waren die Atemschutzmasken, ein staubdichter Überanzug für Nobelix und mich, Überschuhe und Handschuhe in einer Plastiktüte, in die ich dann unauffällig mit steigen konnte (die Kollegen wussten da immer noch nichts von mir). Dann ging es so zum Empfang, hinter den Tresen und dort in den Vorraum des Kellers. Als wir an diesem Tag dort ankamen und das erste Mal die Kellertür öffneten, schlug uns ein Geruch entgegen, der nicht hätte schlimmer sein können. Moder, Papier, Feuchtigkeit und Gammel, alles vermischt zu einer atembaren Pampe, die beinahe sofort einen leichten Würgereiz auslöste. Darum bemühten wir uns, möglichst schnell in unsere Schutzanzüge zu steigen und die Masken aufzusetzen. Das war zwar warm, unbequem und anstrengend, aber immerhin war die Luft etwas angenehmer zu atmen.

So gerüstet konnten wir uns nun auf den Weg in die Katakomben machen. Zum Glück hatte Nobelix uns noch einen Lageplan des Kellers organisiert und dort die vermutlichen Ablageorte der unterschiedlichen Akten eingetragen. Ohne diese Karte wären wir an diesem Tag völlig verloren gewesen und wahrscheinlich erst nach Wochen wieder ans Tageslicht gekommen, denn solch einen verworrenen und unübersichtlichen Keller hatten wir noch nie gesehen.
Zusätzlich zum Lageplan hatten wir auch noch eine Liste von Akten mit, die zur Reinigung herausgesucht werden sollten und dann nach der Reinigung an die Kollegen geschickt werden sollten, die die Akten benötigten. Nachdem wir uns also erst einmal im Keller gehörig verlaufen – ähm gründlich umgesehen hatten, machten wir uns daran, die zum Teil weit voneinander entfernten Akten herauszusuchen.

Zum Glück hatte Nobelix den Timer auf seinem Handy auf zwei Stunden gestellt. Diese Zeit war allerdings schon um, bevor wir auch nur ansatzweise die Hälfte der herauszusuchenden Akten gefunden hatten. Auf dem Weg zum Ausgang sind wir dann noch an der einen oder anderen Ecke falsch abgebogen, aber kurz darauf hatte uns das Tageslicht wieder.
Noch während wir unsere Schutzkleidung und unsere Masken hinter der Kellertür ablegten und das, was zu desinfizieren war, in die Plastiktüte zurücksteckten, hörten wir Stimmen auf der anderen Seite der Tür. Ich öffnete sie einen Spalt, um besser verstehen zu können, was dort vor sich ging. Langsam und vorsichtig, denn was ich sehr gut verstanden hatte, war der Name Nobelix, der soeben gefallen war.

Offensichtlich sprach dort eine unbekannte Kollegin mit den Damen am Empfang, denn ich erkannte nur eine der beiden Stimmen. Ich bedeutete Nobelix, ruhig zu bleiben und schlich mich durch den Türspalt und machte es mir an der Unterseite eines Tisches bequem, der neben der Kellertür stand. Dort konnte ich ziemlich unbemerkt lauschen, was die beiden Kolleginnen besprachen. Nicht ganz fein, aber ziemlich effektiv…

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