Okt 14

Der Keller-Fall 2

„Hast du gehört, dass ein neuer Kollege das Archiv übernommen hat?“ fragte die mir unbekannte Kollegin gerade, als ich mich wieder voll auf das Gespräch konzentrieren konnte.

„Ja“, antwortete die andere Kollegin. „Ich bin mal gespannt, wie lange er es aushält. Ich würde da ja nicht mehr runter gehen. Nicht, nachdem sein Vorgänger fast wahnsinnig geworden sein soll. Habe ich gehört.“

„Ja, irgendetwas stimmt da unten nicht. Ich glaube die Geschichte mit dem Schimmel nicht mal ansatzweise. Aber selber da runter gehen? Ich bin doch nicht lebensmüde!“ Offensichtlich wusste die Kollegin etwas und ich versuchte, mir den Namen des Vorgängers ins Gedächtnis zu rufen. Leider erfolglos.
„Angeblich soll das etwas damit zu tun haben, dass hier früher die Nazis drinne waren“, sagte gerade die unbekannte Kollegin. „Ich habe gehört, da unten geht es nicht mit rechten Dingen zu. Akten verschwinden und tauchen an völlig anderer Stelle wieder auf und sowas.“

In dem Moment kam Nobelix durch die Kellertür gestolpert. Offensichtlich hatte er ebenfalls versucht, zu lauschen, hatte aber nicht mit dem altersschwachen Türschließer gerechnet, der genau in diesem Moment nachgegeben hatte. Er tat allerdings so, als wäre die Tür einfach etwas verklemmt gewesen und kam vollends aus dem Kellerabgang heraus. Dann setzte er sich auf einen der Stühle am Tisch neben der Tür und stellte die Plastiktüte unter den Tisch. Perfekt. Während Nobelix die beiden Kolleginnen ablenkte, als er erzählte, wie warm und stickig es doch unten gewesen sei, konnte ich wieder unauffällig in die Plastiktüte schlüpfen. Nach ein paar Minuten schnappte er sich die Tüte und dann ging es wieder zurück ins Büro, wo wir erst einmal die Maske und alle Körperteile, die nicht bedeckt gewesen waren, gründlich desinfizierten.

Als wir damit fertig waren und es uns im Büro einigermaßen bequem machten, wollte ich gerade berichten, was die Kolleginnen dort vor der Tür besprochen hatten, aber Nobelix meinte, er hätte alles mit anhören können. Während er also die Aktenreinigungsfirma anrief und die Reinigung der bereitgelegten Akten veranlasste, machte ich mich auf die Suche nach einem Kaffee und den Hintergrundinformationen zum Gebäude – und zu Informationen zu unserem Vorgänger.

Der erste Teil – Informationen zum Gebäude – war relativ problemlos zu erledigen und dauerte nicht länger als einen halben Becher. Es wurde 1928 als Gewerkschaftshaus erbaut und ab 1938 bis zum Ende des zweiten Weltkrieges von verschiedenen Behörden genutzt. Insofern könnte durchaus etwas an der Theorie der unbekannten Kollegin dran sein. Trotzdem war mir der Verdacht ein wenig zu sehr aus der Luft gegriffen. Vor allem, da das Gebäude zwischen 2005 und 2007 komplett saniert wurde und dabei keinerlei sonderbare Vorfälle bekannt wurden.
Der zweite Teil der Aufgabe war da schon etwas schwieriger zu erledigen. Trotzdem konnten Nobelix und ich nach einigen vorsichtigen Nachfragen und einigen Gesprächen, die wir unauffällig in die richtige Richtung gelenkt haben, herausbekommen, dass der Vorgänger durchaus nicht wahnsinnig geworden ist sondern sich aus anderen Gründen wegbeworben hatte. Also war auch diese Spur eine Sackgasse.

So ein Mist. Während Nobelix sein Gespräch mittlerweile erfolgreich beendet hatte und die Aktenreinigungsfirma anscheinend auch demnächst Zeit hatte, die Akten zu reinigen, lief es bei mir so gar nicht und so ging ich missmutig in Richtung Kaffeemaschine, um den mittlerweile leeren Becher wieder aufzufüllen. Aber noch bevor ich dort ankam, klingelte das Telefon.

Nobelix griff nach dem Hörer und meldete sich nur mit einem knappen „Ja?“ Dem Gesichtsausdruck nach, den er direkt darauf bekam, nach war etwas passiert.

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