Dez 02

Der Keller-Fall 13

Nachdem Julia, Nobelix und Jäger zu uns in den Streifenwagen gestiegen waren, fuhren wir zurück zum Archiv. Auf dem Weg klingelte das Diensthandy und Nobelix meldete sich.
Einige Minuten später steckte er, merklich stiller geworden – das Handy wieder in die Tasche.

„Das war gerade der damalige Nachfolger vom Archivar. Der, der damals ‘fast wahnsinnig geworden’ sein soll. Er klang zwar ganz normal, aber er behauptete steif und fest, dass es dort unten spuken würde. ‘So richtig wie im Film’ hat er gesagt, also mit blassen Gestalten, die dort umherwandern und Akten vertauschen und Kohle an die Wände und Akten schmieren.“

„Ich fass es nicht!“, entfuhr es mir. „Warum zur Hölle hat da niemals jemand nachgeschaut und nachgeforscht?“

„Oh, ich kann es mir schon denken“, warf Farfried ein. „Wenn der sich wegen – was auch immer es war – weg beworben hat, glaubt dem doch keiner mehr, wenn er irgendwas von Gespenstergeschichten im Keller erzählt.“

„Stimmt, würde ich auch nicht machen“, warf Julia ein. Den Rest des Weges legten wir schweigend zurück. Als wir beim Amt ankamen, war es zum Glück schon so spät, dass wir problemlos einen Parkplatz direkt hinter dem Haus bekamen. Publikum war um diese Zeit auch nicht mehr zu erwarten und die Handwerker warteten auf die Freigabe, die Arbeiten fortzusetzen und so kamen wir ungesehen in den Keller.
Dort steuerte Jäger direkt auf den ehemaligen Kohlenkeller zu. Er strich mit den Fingern über die raue Wand, die auch jetzt, nach Jahrzehnten immer noch von der Kohle geschwärzt war. Wir folgten in kurzem Abstand und beobachteten, wie er direkt auf das mit Kreide an die Wand geschmierte ‘Hier!’ zuging.

„Hier habe ich ihn damals gefunden“, sagte Jäger leise. „Er war schon tot. Er muss es gewesen sein.“ Tränen rannen über sein Gesicht und er wirkte um Jahre, beinahe Jahrzehnte gealtert.

„Sie hätten ihm nicht helfen können“, sagte Farfried leise. „Sie wären mit ihm gestorben.“

„Trotzdem trage ich eine Mitschuld“, flüsterte Jäger. „Es gab damals die Anweisung, dass die Kohle lose in den Keller geschüttet werden soll. Wir haben uns nicht daran gehalten, weil es einfacher war, die Säcke durch den Keller zu tragen, als die Kohle lose mit der Schaufel zu verteilen.“ Langsam wurde es heller im Keller und eine Art Nebel wallte vor uns auf. Im fahlen Licht bildeten sich vage Gesichtszüge.
Jäger blickte auf und schien jegliche Fassung zu verlieren.
„Bert…!“ Jäger weinte nun hemmungslos. „…was…?“

„Arnold! Du bist also doch wiedergekommen. Nach all den Jahren!“ Die Stimme schien aus Wind zu bestehen, so leise und körperlos wirkte sie. „Ich konnte einfach nicht gehen. Nicht ohne zu wissen, dass dir nichts passiert ist damals.“

„Bert, ich konnte einfach nicht. Ich konnte nicht mehr hier herunterkommen.“ Jäger sank zu Boden.

„Aber dir ist damals nichts passiert. Und nun, nach all den Jahren konntest du es doch. Du bist hier.“ Der Geist, wenn man es denn überhaupt so nennen konnte, verblasste langsam wieder. „Und am Ende war nur wichtig, dass es sich nicht wiederholt hat. Nie wieder.“ Das blasse Abbild schien Nobelix direkt anzusehen. „Und auch, wenn es nur vorübergehend Ihr Archiv ist, passen Sie gut darauf auf. Ich mag der letzte gewesen sein, aber ich war nicht der Einzige, der hier gestorben ist. Sorgen Sie dafür, dass alles herauskommt. Früher oder später muss es das!“ Damit verblasste das Licht endgültig und der Nebel löste sich auf.

„Ich denke, unsere Aufgabe ist damit geschafft“, sagte ich leise. „Und gleichzeitig ist sie noch viel größer geworden.“

„Wer weiß, was wir hier noch entdecken“, ergänzte Farfried, während Julia und Nobelix sich um Jäger kümmerten. „Eines weiß ich aber ganz sicher: ich fühle mich über der Erde deutlich wohler.“

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