Dez 16

Das verlorene Mixtape 3

Anton und Norbert lümmelten sich mit in die Sitzgruppe und kurze Zeit später ruckte die Bahn an. Noch während wir Norbert auf den aktuellsten Stand unseres Abenteuers brachten, griff dieser in den mitgebrachten Leinenbeutel und fischte einige belegte Brote heraus, über die sich besonders Farfried hermachte. Als die Bahn kurz vor unserem Ziel langsamer wurde, war von den belegten Broten nicht viel mehr übrig als ein paar Krümel, die Norbert säuberlich zusammenschob, die Lippen spitzte und sie schlürfend einsaugte.

Küchenschabe halt…

Wir stiegen aus und gingen durch die fast menschenleere Innenstadt. Einzelne Geschäfte waren an diesem Sommerabend noch geöffnet, aber wirklich Kunden waren hier nicht mehr zu sehen. Gelegentliche Gruppen von jungen Leuten auf der Suche nach der nächsten Kneipe oder Disco und einzelne Liebespaare waren alles, was hier noch unterwegs war.

Als wir an dem ehemaligen Sitz des Nordmittelsüdwestdeutschen Coiffeur-Interessenverbandes ankamen, staunten wir nicht schlecht. Alle Läden waren leer und dunkel und offensichtlich nicht einmal vermietet. Nur eine kleine Nische war hell erleuchtet. Über dem Durchgang hing eine grell leuchtende Neonreklame. Auf ihr war zu lesen: MIXTAPES SIND NICHT TOT!

„Alter, ernsthaft???“

Norbert, Farfried und Anton klatschten sich gleichzeitig vor den Kopf, während ich ein wenig verständnislos dreinzugucken schien. Anton grinste mich breit an.

„Ich hab doch letzte Woche diesen Artikel aus dem Kurier vorgelesen, von diesem bekloppten, der alte Mixtapes aufkauft und daraus Sampler-CDs brennt. Erinnerst du dich nicht mehr?“

Langsam dämmerte es mir. Ja, klar erinnerte ich mich. Irgendjemand hatte hier anscheinend nicht nur noch eine ausgeprägte Erinnerung an die 1980er Jahre, sondern auch eine echte Marktlücke entdeckt. Als wir in dem Durchgang standen, sahen wir eine Mischung aus Musikgeschäft, Disco und Bar. Aus den Boxen dröhnte übelster Pop (ich glaube, David Hasselhoffs „Looking for Freedom“ wurde gerade zu „Eye of the Tiger“ gefadet) und auf den Tischen und Tresen standen quietschbunte Getränke mit wilder Palmendeko. Wir nahmen am Tresen Platz und noch während wir die Einrichtung bestaunten, stellte jedem von uns ein Barkeeper mit halb offenem Hawaiihemd, Brusthaartoupet und Tom-Selleck-Gedächtnis-Schnauzer ein Glas mit…nun ja, es sah wie Pernod-Cola aus, vor die Nase. Begleitet wurde das von einem „Willkommen in den 80ern und zu unserer Eröffnungsparty!“

Noch bevor sich der Magnum-Verschnitt hinter der Theke den nächsten Gästen zuwenden konnte, brüllte Farfried gegen die Musik an:

„Danke – hast du mal was von Frans Holland gehört?“ Der Barkeeper zuckte mit den Achseln.

„Nee, kenn ich nicht. Ich mach aber auch nur die Drinks hier. Für die Musik ist SIE zuständig.“ Dabei zeigte er auf das DJ-Pult, wo ein geflügeltes Einhorn grad fürchterlich abging: einen riesigen Kopfhörer auf den Ohren, beinahe komplett mit Spiralkabel eingewickelt, ein Vorderfuß auf dem Kassettendeck-Pult und mit dem anderen Vorderfuß wild in der Gegend herumfuchtelnd. Norbert klappte die Kinnlade herunter und die Fühler hoch.

„DESwegen ist sie also tagsüber so fertig. Jetzt verstehe ich so einiges!“

Norbert, Farfried und ich schauten Norbert erstaunt an und diesmal klappten unsere Kinnladen herunter.

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Kommentar? Ja, klar!