Dez 23

Das verlorene Mixtape 5

Norbert und Anton grinsten sich an und beide grölten gleichzeitig „Kassetten-ceptioooon“, worauf Farfried und ich uns synchron an den Kopf fassten und Hertha beinahe einen Lachflash bekam.

Nachdem die drei sich wieder eingekriegt hatten, fragte ich: „War auf der Kassette etwas drauf? Also auf der Kassette in der Kassette, meine ich.“

Hertha runzelte die hohe Stirn ein wenig. „Ja, da war etwas drauf. Aber es war nur ein Pfeifen und Zwitschern, völlig willkürlich, ohne Rhythmus oder Takt. Deswegen wollte auch niemand dieses Band haben und es ist bei der Auktion übrig geblieben. Ich konnte das dann tatsächlich für einen symbolischen Euro kaufen.“

Diesmal stellten sich Antons Fühler auf und er hakte nach. „Nur Zwitschern und Pfeifen? Wie lang lief die Kassette denn?“

Hertha überlegte ein paar Sekunden. „Nicht lang, da kann mich mich gut dran erinnern. Ich wusste gar nicht, dass es so kurz laufende Kassetten jemals gab. Ich glaube, nur 15 Minuten pro Seite.“

„Datasette“ sagte ich, ohne lang zu überlegen. Farfried, Norbert, Anton und Hertha sahen mich erstaunt an. „In den 80ern waren Computer noch etwas anders als heute. Sie waren nicht nur nicht so weit verbreitet, sie waren auch einfacher. Ich hatte damals zum Beispiel einen Commodore C64 mit eben solch einem Datasettenlaufwerk. Anstatt USB-Sticks, Speicherkarten und Festplatten gab es damals Disketten und Kassetten. Mit dem Kassettenlaufwerk (das damals Datasette genannt wurde) konnte man ganz normale Musikkassetten bespielen, aber die Bänder waren nicht so stabil, so dass die beim hin und her spulen gerne mal gerissen sind oder es wilden Bandsalat gab. Daher wurden die Datasetten auf den Markt gebracht, die nicht so lange Laufzeiten hatten, aber angeblich stabilere Bänder. Und überhaupt, so viel Speicherplatz haben wir damals nicht benötigt.“

Anton überlegte kurz, dann meinte er „Das heißt aber, wenn wir jetzt dieses Gezwitscher in einen Computer laden, können wir mit dem passenden Programm die Daten wieder lesbar machen, oder?“

„Ja, wahrscheinlich schon, aber das ist eine ganz schöne Bastelei. Ich habe da eine bessere Idee. Können wir uns dieses Band ein paar Tage ausleihen?“ fragte ich und Hertha antwortete „Klar, gerne. Ich wüsste aber schon gerne, was auf der Kassette wirklich drauf ist.“

„Kein Problem“, sagte Norbert. „Wir halten dich gerne auf dem Laufenden.“

Auf der Rückfahrt waren wir alle ziemlich in unsere Gedanken versunken und kurz vor der Umsteigehaltestelle fragte Farfried „Meinst du wirklich, dass dein alter C64 noch funktioniert?“

„Da bin ich mir nicht so sicher“, entgegnete ich, „aber ich glaube mit etwas Glück reicht sogar ein Emulator dafür. Viel wichtiger ist, dass das alte Laufwerk noch funktioniert.“

Noch bevor wir zu Hause in unsere Betten verschwanden, schrieb ich unserem Chef noch eine kurze E-Mail. Da nach unserem Abenteuer im Archivkeller des Bürogebäudes die Einrichtung einer ‘Sonderermittlungsgruppe für unerklärliche Phänomene’ geplant wurde (die zwar noch inoffiziell nur aus uns bestand, aber für das ganze Bundesland und die nähere Umgebung zuständig sein sollte), bot es sich an, hier quasi dienstlich aktiv zu werden. Außerdem war es bereits kurz vor 3 Uhr morgens uns wir wollten alle nicht um 8 im Büro sitzen.

So langsam wurde der Fall interessant.

Am nächsten Morgen schälten wir uns, vom Wecker um Punkt 9 aus dem Tiefschlaf gerissen, aus den Federn und trafen uns an der Kaffeemaschine. Farfried hatte zwischendurch schon in seinen Flohmarkts-Schatz-Kisten gewühlt und einen funktionsfähigen Walkman zu Tage gefördert. Noch etwas verschlafen meinte er über dem Kaffeebecher:

„Hier, damit kriegen wir das zur Not auf den Computer. Wenn das Gekreische als Tondatei vorliegt, können wir ja mal schauen, was wir da rauskriegen. Der Rechner im Büro sollte das hinkriegen.“

<< Das verlorene Mixtape 4Das verlorene Mixtape 6 >>

Kommentar? Ja, klar!