Jan 06

Walpurgisnacht 2

Am Nachmittag klingelte das E-Mail-Postfach. Dieses Mal waren es allerdings keine Informationen zu den bevorstehenden Feierlichkeiten der Walpurgisnacht, dieses Mal war es eine Nachricht der Senatspressestelle:

Sondereinheit zur Untersuchung übernatürlicher Zwischenfälle aufgestellt
Auf Grund der zunehmenden Anzahl von unerklärlichen und möglicherweise übernatürlichen Vorkommnissen hat der Senat beschlossen, ab sofort eine Sondereinheit zur Untersuchung dieser Vorfälle aufzustellen. Die ‚Abteilung für unerklärliche und übernatürliche Angelegenheiten, Erscheinungen und Phänomene‘ wird aus ausgewählten Experten aus verschiedenen Dienststellen unter der Leitung des Senators für Inneres zusammengesetzt.
Bereits im Vorfeld der kommenden Feierlichkeiten zur Walpurgisnacht hatten Medien in der Bevölkerung Ängste geschürt, dass es zu chaotischen Situationen kommen wird. „Ob es sich wirklich um übernatürliche Vorfälle handelt, wird sich zeigen“, sagte der Senator bei der Vorstellung des Beschlusses im Senat. „Wir werden auf jeden Fall mit ausreichend Kräften vor Ort sein, um einen sicheren Ablauf der Veranstaltung gewährleisten zu können.“

Kurz danach erschien eine weitere E-Mail, dieses Mal eine Einladung. Wir wurden für den nächsten Tag um neun Uhr in das Polizeipräsidium geladen, um dort an der ersten Lagebesprechung des neuen Abschnittes „Unerklärliche und übernatürliche Angelegenheiten“ teilzunehmen und notwendige Ausrüstung zu empfangen.

„Na da bin ich ja mal gespannt, was das so alles sein wird“, sagte Anton, der es sich inzwischen wieder auf dem Sofa bequem gemacht hatte. „Erst soll hier ein Parkplatz für uns freigehalten werden, dann sollen wir neue Ausrüstung kriegen. Ob da wohl ein Dienstwagen dabei ist?“

„Wehe, die drücken uns irgendeine krummes Stöckchen in die Hand und sagen, wir wären jetzt mit Zauberstäbchen bewaffnet“, grummelte Farfried.

„Hihi, warte ab, die hängen dir eine Kette aus Glasperlen um und behaupten, das wäre ein Schutzamulett“, kicherte Anton fröhlich, was Farfried dazu veranlasste, mit einem missbilligenden Blick Rauchringe aus seinen Nasenlöchern aufsteigen zu lassen. „Pass auf die Rauchmelder auf!“, grinste Anton ihn an, aber Farfried deutete nur auf eines der in Plastikfolie verpackten Geräte.

„Sicher und rauchdicht verpackt. Ich hab keinen Nerv auf das Gekreische von den Teilen.“, grollte er. „Und wenn mal wieder kontrolliert wird, ist die Tüte ruck zuck wieder ab.“

„Gar nicht mal so unpraktisch. Aber wehe, du malst Rußspuren an die Decke“, grinste Nobelix nun auch zu ihm hinüber. „Na los, wir machen Feierabend. Heute passiert sowieso nichts weiter und morgen haben wir einen Termin. Wir fahren direkt von zu Hause aus hin.“

Am nächsten Morgen kamen wir pünktlich um kurz vor neun am Tor des Polizeipräsidiums an. Wir wurden direkt an der Wartezone vorbei in einen Konferenzraum gebracht. Dort wartete bereits ein großer, hagerer, grauhaariger Mann in einem dunklen Anzug auf uns. Er stellte sich als Merlin Kalmer vor, unser neuer Abteilungsleiter.

Nach der Vorstellungsrunde ging es auch gleich ans Eingemachte. Für die nächsten Tage hatten wir ein straffes Programm vor uns. Neben diversen theoretischen Schulungen und Unterweisungen sollten wir tatsächlich einen Dienstwagen bekommen. Dazu noch praktische Trainings, insbesondere ein mehrtägiges Fahrtraining (jedenfalls für mich) und ein kurzes (für mich) beziehungsweise etwas ausführlicheres Training in Sachen Funk.

„Das ist mal ein Stundenplan“, stöhnte Anton und ließ sich in seinen Stuhl sinken. Da hatte er wirklich Recht, die nächsten Tage würden definitiv nicht langweilig werden. Hoffte ich jedenfalls.

„Oh, eines noch“, sagte Kalmer, nachdem er seinen Aktenkoffer zugeklappt hatte. „Da ich in der Regel viel unterwegs bin, erhalten Sie Ihre Anweisungen per E-Mail. Berichte und Fragen schicken Sie bitte auf dem gleichen Weg. Ich lasse Ihnen freie Hand, wie Sie vorgehen werden – aber wenn ich eine Anweisung erteile, erwarte ich, dass sie auch umgesetzt wird. Sollte es dringend sein, rufen Sie an. Wer auch immer den Anruf entgegen nimmt, wird mich informieren.“

„Verstanden“, erwiderten wir beinahe gleichzeitig.

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Kommentar? Ja, klar!