Jan 10

Walpurgisnacht 3

Eine Woche später waren wir endlich mit den Schulungen, Unterweisungen und Trainings fertig. Zum ersten Mal fuhren wir mit unserem Dienstwagen ins Büro und als wir an unserem Büro ankamen, war dort tatsächlich ein Parkplatz für uns abgeteilt und gekennzeichnet.

Der Dienstwagen, ein unauffälliger, dunkelgrauer Kombi mit ’normalem‘ Kennzeichen, war ähnlich ausgestattet wie ein ziviler Polizeiwagen. Neben Funkgeräten war auch eine unauffällige Sondersignalanlage in der Werkstatt der Polizei eingebaut worden, denn irgendwie war man in den oberen Etagen darauf gekommen, dass wir das möglicherweise brauchen könnten. Für Anton und Farfried hatte man Sitze in passender Größe auf der Hälfte der Rücksitzbank verbaut und einen Satz Bedienelemente für die Funkgeräte in bequemer Reichweite angebracht. Damit konnten die beiden sich unterwegs sogar noch nützlich machen, während ich mich darauf konzentrieren konnte, den Wagen sicher durch den Verkehr zu bewegen.

Nachdem wir es uns im Büro bequem gemacht hatten und sowohl Kaffeemaschine als auch Rechner hochgefahren waren, wühlten wir uns durch die aufgelaufenen E-Mails. Obwohl wir ja mittlerweile mit Laptops ausgestattet waren, hatten wir uns die Freiheit genommen, die Rechner im Büro zu lassen, während wir uns Paragraphen, Vorschriften und Richtlinien um die Ohren hauen ließen.

Obwohl am Ende weniger E-Mails als erwartet aufgelaufen waren, hatte eine ganz spezielle Mail doch mehr Brisanz als erwartet: der nichtssagende Betreff „zur Info“ und eine leerer Text täuschten ein wenig darüber hinweg, dass der Anhang um so explosiver war. Er bestand aus dem Scan einer Zeitungsseite, wieder mal der Stadtkurier. Diesmal titelte er:

HALTET BREMEN SAUBER – KEINE MACHT DER MAGIE!
ENDLICH SONDEREINHEIT ZUR UNTERSUCHUNG DER „UNERKLÄRLICHEN VORFÄLLE“ AUFGESTELLT
Endlich reagiert die politische Führung und schafft eine ‚Abteilung für unerklärliche und übernatürliche Angelegenheiten, Erscheinungen und Phänomene‘. Sie soll die Vorfälle untersuchen, die mit physikalischen Gesetzen nicht vereinbar sind – dabei haben mehrere unabhängige, international anerkannte Experten bereits mehrfach bestätigt, dass bei diesen Vorfällen Magie und Hexerei am Werk war.
Im Gespräch mit unseren Korrespondenten haben besorgte Anwohner deutlich gemacht, dass sie Hexerei in Bremen nicht dulden werden. Sie forderten bereits mehrfach, alle unmenschlichen Aktivitäten zu unterbinden. Darauf hat der Senat allerdings nicht reagiert.
„Sie haben uns einfach nicht beachtet“, sagte Josef G. (72). „Die Politik duldet einfach, dass jeder völlig unkontrolliert herumzaubern kann.“
Auch Vertreter der Magiefreien Bürger Bremens (MBB) forderten mehrfach, dass magiebegabte oder verwandlungsfähige Menschen und Halter von ‚Fabelwesen‘ zu registrieren sind und öffentlich gekennzeichnet werden müssen. Weiterhin soll die Haltung von ‚Fabelwesen‘ an Auflagen zu binden sein.
Für kommenden Montag um 15:00 Uhr ist eine Demonstration für die Registrierung und Kennzeichnung von Magiebegabten, Gestaltwandlern und Fabelwesenhaltern unter dem Titel „BREmer Gegen Idiotische MAgieanwender“, kurz BREGIMA, auf dem Marktplatz angemeldet.

„Die spinnen doch!“, entfuhr es Anton, als der den Artikel überflogen hatte. „Was kommt als nächstes? Sollen wir als nächstes in Lagern interniert werden?“

„Da wird mir schlecht bei“, grollte Farfried und kippte seinen Kaffee in den Ausguss. „Wenn mir die Heinis im Dunkeln begegnen, denen verpass‘ ich nen heißen Hosenboden.“

„Lass dich nicht erwischen, sonst kippst du nur noch Öl in die Flammen!“, tönte da eine Stimme aus der sich öffnenden Bürotür.

„Felicia!“ Anton und Norbert drehten sich blitzartig um und kaum eine Sekunde später kam die rot-orange Drachendame hereingeflogen.

„Na, überrascht?, fragte sie und ließ sich aufs Sofa plumpsen.

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Kommentar? Ja, klar!