Jan 31

Walpurgisnacht 9

Während Julia den Leiter des Dienstleistungszentrums beinahe zur Tür hinausschob und diese hinter ihm gleich wieder verschloss, griff ich nach dem piependen Funkgerät und drehte gerade rechtzeitig den Ton auf.

„Lurch Bremen für Roland Bremen, kommen.“

„Lurch hört, kommen“, antwortete ich beinahe wie aus einem Reflex. Anscheinend hatte die Woche Training bei der Polizei doch etwas gebracht.

„Lurch Bremen, Einsatz für Sie, Flughafen Bremen, Luftnotlage. Mit unterwegs sind der 70-01, 70-02, 71-01 und 72-01 sowie Feuerwehr und Rettung, kommen.“

„Roland Bremen, Lurch zum Einsatz Flughafen Bremen, verstanden.“

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, sprang ich auf Nobelix Schulter, während Farfried sich beinahe gemächlich in die Luft erhob. Julia und Felicia waren schon beinahe am Auto, als wir aus dem Gebäude kamen. Das war noch verbesserungswürdig, aber immerhin…der erste Alarm. Als wir saßen und der Motor lief, brauste der Wagen mit unserem Damenteam schon mit quietschenden Reifen um die Ecke. Kurz darauf folgten wir etwas gemächlicher.

„Roland Bremen für Lurch 11-1, kommen.“ Während Nobelix inzwischen das Blaulicht aufs Dach gesetzt hatte und wir uns wild blinkend und trötend einen Weg durch den mittlerweile relativ dichten Feierabendverkehr bahnten, übernahm ich den Funkverkehr vom Rücksitz aus.

„Roland hört“, kam wenige Sekunden später die Antwort.

„Der Lurch 11-1 auf dem Weg zum Einsatz Flughafen“, gab ich durch, während Farfried das Flugfunk-Gerät einschaltete und die Anflugfrequenz des Flughafens einrasten ließ. Dort ging es anscheinend ziemlich rund.

Der Mensch hatte mittlerweile zu Julia und Felicia aufgeschlossen und wir bahnten uns einen Weg über die B75 und A281 in Richtung Flughafen, als Farfried eine kurze Zusammenfassung von dem gab, was sich gerade im Flugfunk abspielte.

„Anscheinend hatte eine vollbesetzte Boeing 737 aus Mallorca gerade einen Beinahe-Zusammenstoß mit einer Gruppe Besen. Natürlich haben die Passagiere alles gesehen und die Crew hatte nicht nur alle Hände voll zu tun, die Maschine wieder hochzubringen, sondern auch noch damit, die Passagiere vom filmen mit ihren Handys abzuhalten. Besen samt Piloten sind mittlerweile gelandet und von der Bundespolizei in Gewahrsam genommen worden. Die 737 ist jetzt auf dem Weg in die Warteschleife und wird runtergeholt, wenn die Landebahn wieder frei ist. Natürlich ist alles ausgerückt, was der Flughafen zu bieten hat. Scheißendreck, ey!“

Na wunderbar, genau so ein Einsatz hatte uns ja gerade noch gefehlt.

Kurz darauf hörte ich Felicias Stimme aus dem Lautsprecher: „Lurch 11-1 von Lurch 11-2, fahrt ihr direkt zur Wache. Wir nehmen uns die Passagiere vor.“

„Lurch 11-1 verstanden, Ende“, erwiderte ich. Mittlerweile war auch auf dieser Frequenz etwas mehr Betrieb, als sich die ersten Fahrzeuge zurückmeldeten und wir beschränkten uns auf möglichst kurze Sprüche.

Als wir an der Ausfahrt von der Autobahn zum Flughafen ankamen, wurde der Verkehr etwas besser und auf der Flughafenallee konnten wir uns hinter einen der Streifenwagen hängen, die auch noch auf der Anfahrt waren. Bereits von der Straße aus konnten wir sehen, wie einige Rettungswagen bereits wieder zurück in Richtung Stadt fuhren und auch die Flughafenfeuerwehr war schon wieder auf dem Weg zur Wache. Noch während wir die letzten Meter bis zum Revier der Bundespolizei rollten, drückte ich schon die 4 am Funkgerät und kurze Zeit später standen wir einer sichtlich geknickten Reisegruppe vom Brocken gegenüber.

Natürlich wussten alle in der Gruppe, wann die Anreisezeiten für Selbstflieger waren. Und natürlich konnte am Ende keiner etwas dafür, dass sie zu spät dran waren. Also wirklich viel zu spät. Und natürlich hatte keiner mitbekommen, dass der Ferienflieger ausgerechnet von hinten ankam und auch gerade landen wollte.

Zum Glück war es nicht zu einem Zusammenstoß gekommen und, was noch viel wichtiger war, niemand wurde verletzt.

Während wir also die Personalien der Reisegruppe aufnahmen, kümmerten sich Julia und Felicia um die Passagiere des Ferienflieger. Selbstverständlich hatten die meisten an Bord ihr Handy für den Landeanflug nicht ausgeschaltet, sondern nur unauffällig lautlos und im Standby-Modus in den Taschen versenkt – und selbstverständlich waren viele der Passagiere schnell genug, die Kamerafunktion einzuschalten, als sie bemerkten, dass da noch etwas in der Luft war.

Zum Glück konnte Julia zusammen mit Bundespolizei und Zoll sicherstellen, dass keines der Videos im Netz landete. Wie genau sie das geschafft hat, weiß ich auch nicht, aber es war ziemlich wirkungsvoll. Als wir eine dreiviertel Stunde später die Personalien der Reisegruppe aufgenommen hatten und gerade aus der Wache herauskamen, kamen Felicia und Julia uns schon entgegen.

„Na, alles klar bei euch?“, fragte Julia, aber bevor auch nur einer von uns Luft holen konnte, piepte das Funkgerät schon wieder.

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Kommentar? Ja, klar!