Feb 03

Walpurgisnacht 10

„Lurch 11-1, Lurch 11-2 für Roland, kommen.“ krächzte es aus dem Lautsprecher und diesmal war Farfried schneller am Funkgerät.

„Lurch 11-1 und 11-2 hören, kommen.“

„Lurch, Frage Einsatzklar, kommen.“ Obwohl es noch eine Stunde bis zum Beginn der Feierlichkeiten war, ging es anscheinend schon heiß her in der Stadt, denn mittlerweile waren auch die mit angerückten Streifenwagen schon wieder zu weiteren Einsätzen unterwegs.

„Beide wieder frei, kommen.“

„Sehr gut. Neuer Einsatz für Lurch 11-1 und 11-2. Verkehrsunfall Sielwallkreuzung, Person gegen Straßenbahn. Feuerwehr, Rettung und Emil läuft auch.“

„Einsatz Verkehrsunfall Sielwallkreuzung, verstanden.“ Wieder einmal machten wir uns mit blitzenden Blaulichtern auf den Weg, dieses Mal in Richtung Innenstadt und obwohl der Verkehr mittlerweile deutlich weniger geworden war, brauchten wir beinahe 15 Minuten, bis wir angekommen waren.

Obwohl der Einsatz bei der Alarmierung durch die Leitstelle so klang, als wäre dort auch ein mittleres Chaos ausgebrochen und wir es mit schweren Verletzungen zu tun bekommen, ergab sich vor Ort ein relativ entspanntes Bild.

An der Haltestelle stand eine Straßenbahn mit zersplitterter Frontscheibe, zwei Rettungswagen und die Polizei waren bereits vor Ort und kurz nach uns kam auch der Unfallhilfswagen der Straßenbahngesellschaft an. Es dauerte einen Moment, bis Nobelix und Julia sich ein Bild gemacht hatten, während Farfried, Felicia und ich in den Autos blieben. Als Nobelix aber nach einigen Minuten schon wieder einstieg und auch einer der Rettungswagen leer wieder von dannen zog, war klar, dass es schlimmer aussah, als es wirklich war.

Anscheinend hatte wohl ein Besen mitsamt Pilot in niedriger Höhe plötzlich Gas gegeben und war frontal in die wartende Straßenbahn geflogen – zum Glück hoch genug, um den Fahrer nicht zu treffen, aber auch niedrig genug, um nicht in die Oberleitung zu geraten. Der Pilot stand zwar ein wenig unter Schock, konnte aber nach einer kurzen Behandlung vom Rettungswagen entlassen werden. Während die Besatzung eines Streifenwagens die Personalien aufnahm und einen Atem-Alkoholtest machte, nahm Julia die Aussage des Straßenbahnfahrers auf.

Inzwischen telefonierte Nobelix mit unserem Chef und klärte, ob der Besen sichergestellt und untersucht werden sollte. Gleichzeitig wurde die Straßenbahn zum Abschleppen vorbereitet und es herrschte geschäftige Betriebsamkeit an der Unfallstelle. Zum Glück kümmerten sich die Menschen um uns herum kaum um uns und um das, was passiert war.

Der Besen landete nach dem Telefonat in unserem Kofferraum – wir sollten ihn mitnehmen und erst einmal im Büro unterbringen, wo er dann am nächsten Tag abgeholt werden würde. Kurze Zeit später stieg Julia mit zu uns ins Auto.

„Puh, das ist ja noch mal gut gegangen hier“, sagte sie.

„Jap, da hat wohl jemand mächtig Dusel gehabt“, konnte Farfried sich nicht verkneifen. „Was hat der Fahrer denn gesagt?“

„Der hat nur gesehen, dass jemand kreischend auf ihn zugeflogen kam. Ziemlich flott sogar.“ Julia verzog das Gesicht.

„Na wenn der nüchtern war, dann fress ich nen Besen!“ Ich konnte es mir einfach nicht verkneifen und grinste von der Rücksitzbank. In diesem Moment kam einer der Streifenpolizisten zu uns ans Auto und Nobelix öffnete sein Fenster.

„1,8 hat der aufm Kessel. Bekloppter Heini. Und dann behauptet der, der Besen wäre mit ihm durchgegangen. Immerhin konnte er noch rechtzeitig abspringen und ist nicht selber in der Scheibe gelandet.“

„Na wir werden es sehen“, entgegnete Nobelix und notierte sich den Wert. „Dafür konnte er noch ganz gut geradeaus gehen.“

„Jo, der scheint dran gewöhnt zu sein“, kam die trockene Antwort. „Was sollen wir mit ihm machen?“

„Naja, von uns aus könnt ihr ihn laufen lassen. Der Besen ist bei uns und die Personalien haben wir, wir werden uns in den nächsten Tagen wohl noch mal mit ihm unterhalten.“ Nobelix zuckte mit den Schultern. „Es sei denn ihr haltet ihn für eine Gefahr, dann nehmt ihn mit.“

„Nee, dazu ist er noch zu gut beisammen“, erwiderte der Polizist. „Den Platz werden wir wohl später noch brauchen. Außerdem war er friedlich. Wie auch immer, ich wünsch noch ne ruhige Schicht. Bis später oder so.“ Damit drehte er sich um und verschwand in Richtung seines Streifenwagens.

„Na großartig.“ Julia war alles andere als begeistert. „Es ist mal grad kurz vor 6, der Abend fängt jetzt erst richtig an.“ Damit stieg sie aus dem Auto.

Die Unfallstelle war mittlerweile fast geräumt und inzwischen war auch der Abschleppzug angekommen und nahm die verunfallte Straßenbahn an den Haken. Zeit für uns, ins Büro zurück zu fahren und die Berichte der beiden Einsätze anzufangen. Und endlich für Kaffeenachschub zu sorgen.

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