Feb 21

Walpurgisnacht 15

Herr Lawat hat noch während des Gespräches mit den Polizisten beschlossen, vorerst bei Freunden unterzuziehen und verschwand einige Minuten später mit einer gepackten Tasche in den Straßen des Stadtteiles. Wir rückten kurz darauf auch wieder in Richtung Innenstadt ab, etwas nachdenklicher als vorher.

„Das ist schon erstaunlich, wie unterschiedlich die Sichtweisen von zwei Menschen auf eine Situation sein kann“, grübelte Nobelix halblaut, während Julia den Dienstwagen auf dem Parkplatz des nahen Burger-King abstellte.

„Die Nacht ist gut für Rituale“, überlegte Julia nach einem Blick in den sternenklaren Himmel. Ich vermute mal, sie wird es noch einmal versuchen – wenn sie noch ausreichend Ingredienzien für einen weiteren Versuch hat.

„Hoffentlich hält der Kessel das aus. Hast du darauf geachtet, aus welchem Material der war?“ Nobelix überlegte. „Wenn der wirklich zu heiß geworden ist, kann es passieren, dass er das nicht noch einmal aushält.“

„Die Kessel sind in der Regel aus Kupfer. Das hält einiges aus – zumindest auf einem normalen Herd. So Jungs und Mädels, Zeit für eine Pause. Wie wäre es mit einem Burger?“ Diese Idee stieß natürlich auf große Zustimmung und kurz darauf kamen Julia und Nobelix mit Tüten beladen aus dem Burgerbräterladen zurück und wir mampften zufrieden vor uns hin.

Als wir eine halbe Stunde später wieder über den Osterdeich fuhren, war vom Feuer auf der anderen Weserseite schon nicht mehr viel zu sehen, außer einer leichten Rauchfahne und dem gelegentlichen Aufleuchten eines Glutrestes. Die Menschen hatten sich inzwischen mehr in Richtung Viertel bewegt und feierten dort den Abend weiter.

Wir fuhren also wieder zurück in Richtung Goetheplatz und stellten unseren Wagen neben einem Behandlungsplatz des DRK und der mobilen Polizeiwache ab, um uns zu Fuß (beziehungsweise aus der Tasche heraus) ein Bild von der Stimmung hier zu machen. Auch hier war die Stimmung gut und relativ entspannt. Wenn man einmal von den üblichen Betrunkenen absah, war nichts außergewöhnliches vorgefallen und so gingen wir langsam weiter. Während Felicia und Farfried es sich auf den Schultern von Julia und Nobelix gemütlich gemacht hatten, saß Anton in der Umhängetasche und tippte gelegentlich etwas in das Smartphone von Nobelix ein.

„Sagt mal, ich hab grad mal den Namen, den uns der Lawat da vorhin genannt hat, mal im Netz nachgeschlagen“, sagte Anton plötzlich. „Das soll mal ein Assyrischer König mit dem Namen gewesen sein. Naja, nicht wirklich mit exakt dem Namen aber so ähnlich. Könnte das sein, dass die den Kerl meinte?“

„Mag gut sein, aber was sollte die mit einer Beschwörung bezwecken?“, fragte Felicia. „Wohl kaum, um den Kerl wieder zum Leben zu erwecken, oder?“

„Wir sind hier ja nicht in Hollywood“, lachte Julia. „Das Einzige, was bei einer Beschwörung passiert, ist dass man – wenn man wirklich alles richtig macht – eine Art Kommunikation mit dem Angerufenen aufbauen kann. Um Rat fragen und ähnliches.“

Nobelix zog eine Augenbraue hoch und sein Gesichtsausdruck ähnelte auf einmal sehr dem eines gewissen Vulkaniers. „Faszinierend, dann ist das also eine Art interdimensionales Telefon?“, fragte er und schüttelte leicht den Kopf. „Woher weißt du das eigentlich?“

„Och, da hab ich mal was von gelesen“, entgegnete Julia, die versuchte, ihr plötzlich errötendes Gesicht im Schatten zu halten.

„Ich glaube, du kannst es ihm ruhig erzählen“, warf Felicia von ihrer Schulter aus ein.

<< Walpurgisnacht 14Walpurgisnacht 16 >>

Kommentar? Ja, klar!