Mrz 03

Walpurgisnacht 18

Als wir 20 Minuten später am Büro ankamen, waren Felicia und Farfried schon eingeschlafen und auch ich hatte meine Mühe, die Augen offen zu halten. Selbst Julia und Nobelix waren die letzten langen Tage deutlich anzumerken und so blieben wir nicht lang dort, sondern machten uns schnell wieder auf den Weg nach Hause.

Als wir am nächsten Vormittag wieder im Büro ankamen, waren die Einsatzberichte der Feuerwehr und Polizei vom letzten Einsatz des Abends schon im E-Mail-Konto angekommen und wir vertieften uns mit Kaffeebechern in den Händen in den Papierkram.

„Da hat Frau Verbeck noch einmal richtig Glück gehabt. So richtig richtig,“ murmelte Farfried und ließ den Einsatzbericht der Feuerwehr sinken. „Irgendwas muss am Kessel gewesen sein, die Feuerwehr tippt auf eine Materialschwäche. Der Kessel – oder vielmehr das, was von ihm übriggeblieben ist – zeigte massive Ablagerungen am Boden. Auf den Fotos ist deutlich zu sehen, dass es dabei aber einen Hohlraum ganz unten gibt.“ Farfried legte die entsprechenden Fotos auf den Tisch.

„Im Hohlraum muss Wasser eingeschlossen gewesen sein“, stellte Nobelix fest. „Wasser dehnt sich ja beim Erhitzen aus und wird zu Dampf. Es sei denn, es ist in einem Raum eingeschlossen, dann steigt einfach nur der Druck zusammen mit der Temperatur an. Und irgendwann…“

„Bumm!“ ergänzte Farfried leise.

„Stimmt“, fuhr Nobelix fort. Das hat früher sogar Lokomotiven zerrissen. Deren Kessel sind schon mal 50 Meter weit geflogen. Das nennt sich Kesselzerknall. Wenn ein Kessel, der unter Druck steht, an einer Stelle aufreißt, kann es passieren, dass nicht nur Dampf sondern überhitztes Wasser entweichen kann. Das steht plötzlich nicht mehr unter Druck und wird schlagartig zu Dampf – und der hat ein viel größeres Volumen als Wasser. Ich meine, aus einem Liter Wasser werden über 1600 Liter Dampf.“

„Und wieso waren da so viele angebrannte Holzbalken?“, wollte Felicia wissen.

„Wer weiß, wie groß das Feuer gewesen ist, auf dem der Kessel stand. Und mit was sie es angemacht hat“, sagte Farfried leise.

„Hier steht, dass eigentlich nur ein paar Fensterscheiben zu Bruch gegangen sind. Das, was so schlimm aussah, war wohl überwiegend Dreck und Laub.“ Ich hatte mir den Polizeibericht durchgelesen, legte diesen aber wieder beiseite. „Frau Verbeck konnte sogar schon eine Zeugenaussage machen, auch wenn sie noch im Krankenhaus liegt. Die ist grad eben per Mail angekommen.“ Alle scharten sich um den Computer, als ich die Datei öffnete. Felicia kratzte sich hinter dem Ohr und rückte etwas näher an den Bildschirm heran.

„Ich fass es nicht.“ Sie wandte sich vom Bildschirm ab. „Die hat nicht wirklich…? Aus dem Internet – die hat ihr Ritual aus einem Forum im Internet.“

„Normalerweise passiert bei solchen Versuchen einfach…überhaupt nichts.“ Julia stand auf und schenkte sich Kaffee nach. „Rituale werden nicht im Netz veröffentlicht, das sollte sie eigentlich wissen. Aber gut…“

„Wer weiß, wie lange die Ablagerungen in ihrem Kessel ‚gewachsen‘ sind“, überlegte Nobelix laut. „Wenn ich mir die Überreste so anschaue, hat die Kesselwandung unten nachgegeben und ist aufgerissen. Da ist dann der Druck raus und hat ihr Kochfeuer auseinandergeblasen. Daher auch so viel verbranntes Holz“.

„Na hoffentlich bereitet sie ihr Zeug beim nächsten Mal besser vor – besonders den Kessel“, ergänzte Julia. „Ich vermute mal, das wir wenigstens diesen Fall zu den Akten legen können.“

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Kommentar? Ja, klar!